Poetry Slam Text: Warmes Plastik

von Leona Rußmann

Wer ist Leona? Die 17-Jährige Bibliomanin und Sprachliebhaberin kommt aus Molln. „Aus Liebe zum Menschen“ heißt für sie Hingabe, Leidenschaft und vor allem Güte. Sie ist selbst (noch) nicht aktiv im Roten Kreuz, bringt sich mit ihren nachdenklichen Texten aber gerne kreativ ein.


Gehe ins Kaufhaus, schau den Schaufensterpuppen bei ihrer Show zu.
Kämpf dagegen an, mich zu bewegen, erstarre lieber halb am Leben, schlemmend das Frozenjoghurt verschlingen, um ja das Gehirn auf tiefgefroren zu bringen.

Gehirnfrost ist jetzt Dauerzustand, wer mit vollem Verstand herum läuft hat eh schon einen Schaden. Wäre doch scheiße, wenn jemand mal genau hinsieht. Wäre doch scheiße wenn du bemerkst das die Schaufensterpuppen gar keine Schaufensterpuppen sind. Wäre doch zum Kotzen, wenn du ihren Tanz verstehst, siehst dass sie dich eigentlich nur warnen wollen, wenn sie dir sagen, dass ihre Mode hip ist.

Ich bin hier die einzige, die ihre Sprache spricht.

Sehe die verzweifelten Verrenkungen, die fast schon lockend sind. Der wahre Kenner weiß natürlich was das ist. Ihr Todestanz zum Ausverkauf. Hast du jemals eine Schaufensterpuppe gefragt was sie denkt? Hast du sie jemals umarmt statt beschämt? Denkst du wirklich es ist leicht, dass dich keiner versteht, dir jeder unterstellt, dass du perfekt bist während du innerlich fast aus der Haut fährst?

Ich hab’s getan. Letzte Nacht als die Läden zu war‘n, hab ich es gewagt. Leise schleichend bin ich zu den schlafenden Puppen gegangen. Das Licht war schon aus, aber ich wusste einfach, dass sie wach sein würden. Wie ein Dieb kommt man sich vor, wenn man leicht an das Gitter des Geschäfts klopft und mit leiser Stimme „ist jemand noch da“ rein schreit. Sie haben sofort geantwortet.

Verzweifelt durch die Löcher ihre warmen Plastikfinger gestreckt. Ich hab sie gehalten. Die Tränen rannten uns beiden herunter, als wir merkten wie ähnlich wir uns waren. Und auf einmal war ich mir nicht mehr sicher, wer von uns beiden eingesperrt war. Uns trennte eine Wand so viel war klar. Nur wer tröstete wen? War ich die Schaufensterpuppe und sie der Mensch? Hat sie sich bewegt und ich nie? Waren meine Hände aus warmem Plastik und ihre weich und zart? Ich weiß es nicht. Doch als sie anfing zu ziehen und zu reißen und zu zerren wehrte ich mich nicht.

Ich löste mich auf. Bis ich durch das Gitter passte. Ich wusste genau das war mein Platz. Denn trotz des ganzen Plastiks war es echt.

Wink mir doch das nächste Mal, wenn du an meinem Fenster vorbeigehst. Oder stehst. Mit Gehirnfrost. Vom Frozenjoghurt noch so betäubt, dass du meinen Tanz erkennst.

 

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